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Julian Obenauer

Modul III: Diktatur und Gewissen

Das Teilmodul „Diktatur und Gewissen“, das an der Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte der Universität Passau unter der Leitung von Prof. Dr. Barbara Zehnpfennig bearbeitet werden soll, hat das Ziel, die Motivlagen von Tätern und Opfern des SED-Regimes zu ergründen. Weil in einer „durchherrschten“ Gesellschaft die Ideologie Zweck und legitimatorisches Mittel der Herrschaft ist, ergeben sich sowohl in Bezug auf die Urheber politischer Repression als auch in Bezug auf die von der Repression Betroffenen Fragen, die sich in anderen autokratischen Regimen nicht stellen. Ideologisch begründete Herrschaft erschöpft sich nämlich nicht in der Anwendung äußerer Gewalt, sondern sie versucht, auch in das Innenleben der Menschen einzudringen. Deshalb soll zunächst die Ideenwelt der Täter betrachtet und geprüft werden, inwieweit die marxistisch-leninistische Ideologie zur Rechtfertigung von politischer Gewalt genutzt wurde. Dabei ist u. a. zu untersuchen, inwieweit institutionelle Faktoren bzw. zeithistorische Umstände die jeweilige Auslegung der Ideologie beeinflussten. Auch die Norm- und Wertvorstellungen (z.B. das Pflichtbewusstsein) jedes Einzelnen sind zu berücksichtigen, können sie doch mit der kommunistischen Weltanschauung konkurrieren oder sie ergänzen.

Als nächstes steht die Motivation der Opfer politischer Repression im Mittelpunkt, also jener Menschen, die trotz erheblicher Risiken einen Weg gegen das System gewählt haben. Hierbei ist zu analysieren, welche internen und externen Faktoren auf die individuelle Motivlage eingewirkt haben könnten, z. B. familiäre oder religiöse Wertvorstellungen, einschneidende Erlebnisse aus dem Alltag, Unterstützung durch ein regimekritisches Umfeld etc. Natürlich muss deviantes Verhalten in einem Unrechtsregime nicht per se Ausdruck einer widerständigen Haltung sein, da man auch aus anderen Gründen in Konflikt mit dem System geraten kann. Zu beachten ist ebenfalls, dass bei der Untersuchung der individuellen Seelenlandschaften mitunter die Grenzen zwischen den Kategorien verschwimmen, was sich z. B. in der Verkehrung der Rollen widerspiegeln kann: Was ist mit Tätern, die zu Opfern, und Opfern, die zu Tätern wurden? Auch diese Grenzfälle bedürfen einer eingehenden Untersuchung. Schließlich sind die Folgen der politischen Repression zu erörtern: Gelang es den Verfolgern, Andersdenkende durch Gewalt, Zersetzung und Indoktrination zu beugen, oder wurden sie durch die Repression seitens des Regimes in ihrem Widerstand bestärkt?

Weitere Informationen finden Sie hier: https://landschaften-verfolgung.de/personen/julian-obenauer/