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Johannes Hummel

Die Kalifats-Utopie des IS und ihre religiöse Rechtfertigung

Wenige Themen haben die Nachrichten in den letzten Jahren so dominiert wie der IS, sein grausamer Kampf für ein Kalifat und seine verheerenden Anschläge (nicht nur) in Europa. Zahlreiche Autoren haben sich mit dem Phänomen IS beschäftigt, wobei in den politikwissenschaftlichen Werken meist die Entstehungsgeschichte des IS und ihre geopolitischen Hintergründe im Fokus stehen. Trotz der enormen Fülle an IS-Propaganda ist die Analyse der religiösen Selbstrechtfertigung der Organisation bisher ein Randthema geblieben. Diese Analyse ist aber dringend notwendig, um nachvollziehen zu können, warum IS-Kämpfer ihr Handeln – im Gegensatz zur überwältigenden Mehrheit der friedlichen Muslime – als die einzig legitime Verwirklichung des Islam verstehen. Dazu muss man sich mit den religiösen Quellen und Autoritäten auseinandersetzen, auf die sich der IS beruft. Wer die tausendfache Auswanderung junger Menschen zum IS alleine mit sozialen oder politischen Ursachen erklären will, wird der Komplexität des Phänomens nicht gerecht. Eine umfassende Gegenüberstellung der religiösen Selbstrechtfertigung des IS und der Argumente muslimischer Gelehrter, die sein Handeln als unislamisch kritisieren, wurde bisher nicht vorgelegt. Der Titel „Die Kalifats-Utopie des IS und ihre religiöse Rechtfertigung“ macht bereits deutlich, dass das theoretische Ideal untersucht wird, dessen Realisierung der IS verfolgt, und weniger die Realität, in der es selbstverständlich zu Abweichungen von diesem Ideal kommt. Die Forschungsfrage lautet: „Wie rechtfertigt der IS seine Kalifats-Utopie als islamkonform und mit welchen Argumenten versuchen muslimische Gelehrte die Ziele und Taten des IS als unislamisch zu widerlegen?“ Um einordnen zu können, wo der IS der islamischen Tradition folgt und wo er von ihr abweicht, bedarf es vorab einer eingehenden Betrachtung der islamischen Urgemeinde unter Mohammed und des Verhältnisses von Politik und Religion in der Geschichte des Islam.