default logo

Daniel Matulla

Die Menschenwürde und ihre politische Bedeutung

Obwohl die Idee der Menschenwürde grundsätzlich als normative Leitidee von ethischen und rechtlichen Normen anerkannt ist, ist die Auslegung des Begriffs wissenschaftlich, politisch und auch juristisch hoch umstritten, v.a. in seiner inhaltlichen Dimension und der Begründung von Menschenwürde. Deshalb wird im internationalen und innenpolitischen Diskurs die Klärung dieses Problems ausgeklammert, um politisch-praktische Ziele nicht zu gefährden. In Deutschland herrscht mehrheitlich die Meinung, dass die Interpretation der Würde des Menschen von Immanuel Kant der hierzulande (v.a. vom Bundesverfassungsgericht) verwendete Begriff wäre. Die Genese des Begriffs wird auch deswegen von vielen Autoren westlicher Herkunft und nahezu allen Autoren anderer Herkunft auflösungslos mit der Kulturgeschichte Europas verknüpft. In Zeiten zunehmender Pluralität der Gesellschaft kann eine normative Leitidee von ethischen und rechtlichen Normen, die universale Geltung beansprucht, aber nur dann als solche dienen und anerkannt werden, wenn sie interkulturell anschlussfähig und offen für Pluralität ist. Eine enge inhaltliche Verknüpfung mit einer bestimmten Kultur ist dabei nicht möglich. Die Dissertation argumentiert dafür, dass der Menschenwürdebegriff von Immanuel Kant dazu geeignet ist, in pluralen Gesellschaften als normative Leitidee zu fungieren. Gerade Kant ermöglicht es durch sein Verständnis der Menschenwürde und seiner theologisch und kulturell voraussetzungsfreien Begründung und Herleitung, einen Begriff der Würde des Menschen zu entwickeln, der als normative Leitidee ethischer und rechtlicher Normen für Menschen jeder Kultur voraussetzungsfrei anerkannt werden kann. Er kann so als Leitprinzip einer pluralen sozialen Ordnung dienen.
Dafür ist es notwendig, die Begründung und Interpretation Kants des Begriffs der Würde des Menschen in Bezug auf die Pluralität von Kulturen herauszuarbeiten sowie sie ideengeschichtlich von der abendländischen Kultur loszulösen.